Zu Gast war Anita Popp, die älteste Tochter des letzten privaten Rittergutsbesitzers

Mehr über die jüngere Geschichte ihres Herrenhauses erfuhren die Kleingeraer am Freitag von Anita Popp, der ältesten Tochter des letzten privaten  Rittergutsbesitzers Victor Speck.

Anita Popp war 19 Jahre alt, als sie und ihre Familie im August 1945 verhaftet und deportiert wurden. Als der Zug, der sie und viele andere vogtländische Rittergutsbesitzerfamilien in ein Übergangslager nach Coswig bringen sollte, für 4 Stunden in Dresden Halt machte, konnten sich die fünf Specks absetzen. Victor Speck, seine Frau und die beiden jüngeren Mädchen flüchteten zu Bekannten in Leipzig. Tochter Anita schlug sich bis zum Großvater mütterlicherseits nach Mylau durch, wo Victor Speck nach dem Einmarsch der Roten Armee einen Notgroschen hinterlegt hatte. In Leipzig wieder vereint, gelang den Specks vom Harz aus die Flucht in die britische Besatzungszone.

In Bad Harzburg heiratete Anita Speck Heiligabend 1945 ihren Verlobten Dr. Wolfram Popp und kehrte mit ihm – im Schutz des neuen Namens – ins Vogtland zurück. Ihre Eltern und Geschwister wollten nach England gehen, wo Victor Specks Mutter und Geschwister lebten. Allerdings durften sie Deutschland noch nicht gleich verlassen, obwohl Victor Speck britischer Staatsbürger war. Sie lebten fast zwei Jahre in einem Lager in Mühlenberg bei Hannover, wo sie ein Zimmer in einer Baracke bewohnten. Endlich in England, fing Victor Speck bei Null an, gründete eine Tuchfabrik. Für die Tuchfabrik in Auerbach und das Kleingeraer Rittergut, beides war ihm von den neuen Machthabern im russischen Sektor enteignet worden, bekam er später keine Entschädigung in der Bundesrepublik, da er Engländer war.

Anita Popp, deren Mann als Arzt in Auerbach praktizierte, blieb nicht lange unbehelligt. Kurz vor Weihnachten 1946 wurde sie in Auerbach auf die Kommandantur bestellt. Nur weil sie hochschwanger war, durfte sie vorerst nach Hause. Anfang 1947, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes, nahm Anita Popps Mann einen Job im englisch besetzten Teil Berlins an. Als Tags darauf die Polizei in Popps Auerbacher Wohnung aufkreuzte, um die Tochter des Kleingeraer Rittergutsbesitzers zu verhaften, war diese bereits verschwunden.

Anita Popp, mittlerweile 86-jährig, freute sich, am Freitag in Kleingera ehemalige Spielkameraden zu treffen. Es wurden viele Erinnerungen ausgetauscht. Außerdem nutzen natürlich die Mitglieder des Vereins zur Erhaltung des Rittergutes Kleingera die Gelegenheit, zu erfahren, wie die Räume des Herrenhauses von den Specks genutzt worden waren und wie die letzten privaten Rittergutsbesitzer gelebt hatten. Anita Popp lebt heute in Bad Kreuznach. Mit Kleingera fühlt sie sich immer noch verbunden. Das sei ihre Heimat, sagte sie. Und dieses Gefühl habe ihr – anders als das materielle Eigentum – bis heute niemand nehmen können.


 

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